Wandern und Klettern in Schottland

Oktober . 2020

Wer an Schottland denkt, hat wahrscheinlich eine Menge Klischees im Kopf. Klettern wird kaum dabei sein. Dabei hat Schottland gerade für die Anhänger der Bewegung in der Vertikalen viel zu bieten.

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Wer an Schottland denkt, hat wahrscheinlich eine Menge Klischees im Kopf. Bärtige, rothaarige Männer zum Beispiel, die karierte Röcke tragen, meterlange Baumstämme durch die Gegend wuchten und von denen bis heute keine gesicherten Erkenntnisse existieren, was denn nun unter dem Rock tatsächlich getragen wird. Dunkle, tiefe und geheimnisvolle Seen gehören auch dazu. Solche, vor denen deutsche Comedians sich Haribo-Konfekt in den Hals werfen und dabei von Monstern überrascht werden, die wie eine Mischung aus einem Elefantenrüssel und einer Gummiente aussehen. (Wer`s nicht kennt – Werbespot von Haribo anschauen!)

Oder Pubs. Diese urschottische Einrichtung, in denen immer und grundsätzlich und ausschließlich gälische und keltische Musik gespielt wird, nichts anderes als Whisky (nicht zu verwechseln mit Whiskey - das ist die amerikanische Variante) und Guiness konsumiert wird und das nebenbei bemerkt in unvorstellbaren Mengen und kürzester Zeit. Weil die Pubs schließlich bereits um 23.00 Uhr schließen und daher die Druckbetankung die einzige Genussart ist, die Schotten kennen.

Schließlich hätten wir da noch diverse mystische Schlösser und Burgen oder das, was davon noch übrig ist. Wenn wir uns recht erinnern, kommt auch ein britischer Geheimagent mit smartem Auftreten und weniger smarten Fäusten aus dieser Gegend. So könnten wir wohl noch eine Weile lang weitermachen. Schottische Hochlandrinder mit unglaublich langen Geweihen, die ein bisschen so aussehen, als hätte sich „Alf“ mit einem amerikanischen Longhorn gepaart. Regen, Regen und nochmals Regen. Der einzige Grund, weshalb der Regenwald nach einem Gebiet in Brasilien und nicht in Schottland benannt wurde liegt daran, dass es in Schottland keinen Wald zu geben scheint. Kein Baum weit und breit. Merkwürdige Pfeifeninstrumente, bei denen ein Grundton immer beibehalten wird, was einem schon mal gewaltig auf die Nerven gehen kann.


Alles ist schroff und ein bisschen unwirtlich, fast ein wenig nebulös und man erwartet, dass einem gleich ein Druide mit einem Mistelzweig über den Weg läuft. Dabei aber irgendwie doch ein wenig lieblich. Die Berge nicht zu hoch, die Landschaft mit einem an Wogen und Wellen erinnernden Schwung. Kleine, pittoreske Dörfer (wenn man sie denn vor lauter Nebel zu Gesicht bekommt) und sehr sehr viele Lachse in reinen, klaren Flüssen.

Was ist Schottland in den Köpfen der meisten aber auf gar und überhaupt keinen Fall? Richtig. Alpin. Wer echte Outdoor-Abenteuer sucht, wer sich beweisen und an seine Grenzen gehen möchte, wer alpinistische Spektakel sucht oder sich in steilen Hängen mit den Ski durch den Pulverschnee fräsen möchte, der fährt wahrscheinlich nicht nach Schottland. Selbst wer gerne auf mittelhohe Berge steigt und wenigstens ein wenig Felskontakt liebt oder wer gerne klettert und sich mit Eisgeräten durch hohe Wasserfälle und gefrorene Wände arbeitet, wird bei der Erwähnung von Schottland nicht sofort juchzend aufspringen und „das ist mein Traumziel“ schreien.

Dabei hat Schottland, haben die Highlands diese Diffamierung, diese Stigmatisierung als ein Reiseziel für Menschen mit einem Fetisch für Tweet-Stoffe nicht verdient. Überhaupt nicht. Die Berge in Schottland (richtig – per Definition handelt es sich tatsächlich um Berge und nicht um Hügel, die gibt es in Holland und Ostfriesland, da heißen die Hügel dann aber „Deich“) sind nicht ausschließlich für Familien mit Kleinkindern geeignet. Sie können nicht alle mit dem Kinderwagen in Vorhalte „bewandert“ werden. Sie sind auch nichts für Langschläfer, die gerne zwischen Aufstehen um 11 und erstem Frühschoppen um 1 schnell einen Berg besteigen wollen. Sie sind zwar nicht hoch, diese Berge, fangen dafür aber tief an. Die schottischen Highlands und insbesondere das Gebiet der Grampian Mountains und des Ben Nevis, dem höchsten Berg Großbritanniens, liegen in etwa auf dem geografischen Breitengrad von Lettland, Mittelschweden und Weißrussland. Während es in diesen Bergen durchschnittlich im August gerade einmal 14 Grad warm wird, ist es in München mit 23 Grad doch erheblich wärmer, fast schon mediterran. Im September kann man in München bei durchschnittlich knapp 20 Grad noch ein leckeres Weissbier in einem Biergarten genießen, während in den Highlands bei durchschnittlich 7 Grad bereits der Glühwein vorgewärmt wird. Und wer sich ein wenig auskennt, der weiß, dass die Temperatur pro 100 Höhenmeter um ca. 0,7 bis 1 Grad abnimmt (je nach Luftfeuchtigkeit). Das bedeutet dann, dass die Vegetationszeit in Schottland in Höhen von zwischen 1.000 Metern NN und 1.345 Metern NN in etwa so kurz ist, wie in den Alpen auf ca. 2.200 Metern NN bis 2.500 Metern NN. Die Baumgrenze in den Highlands liegt auf nur ca. 500 Metern NN.


Daher können diese Berge durchaus mit alpinen Herausforderungen aufwarten. Viel Fels und Stein, bestenfalls einige Flechten und grasbewachsene Flächen erwarten den Wanderer und Bergsteiger. Die Temperaturen sind aber nicht der einzige Grund, weshalb es in Schottland kaum Wald gibt. Oder doch?

In der Tat war Schottland lange Zeit nahezu waldfrei, obgleich das nicht die natürliche Vegetation Schottlands ist oder war. Nach dem Rückzug des Eises der letzten Eiszeit war Schottland, zumindest in den tieferen Regionen, von riesigen Wäldern aus Birke, Haselnussbäumen, Kiefern und Eichen bedeckt. Aber zu Zeiten der Römer, im Mittelalter und vor allem während der Zeit der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Wälder nahezu komplett abgeholzt. Gründe waren Siedlungszwecke, die Nutzung des Holzes als Rohstoff und die Ausweitung von Weide- und Ackerbauflächen. Nach dem zweiten Weltkrieg begann ein groß angelegtes Aufforstungsprogramm. Mit großem Erfolg. Heute sind wieder ca. 18% der schottischen Landfläche mit wunderschönem Wald bewachsen, wovon aber nur ca. 2% Naturwälder sind. Es gibt sie also, die Bäume in Schottland. Vielleicht haben die Römer alles abgeholzt, weil sie vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sahen. Behauptet zumindest Obelix, der ja bekanntlich auch schon auf der britischen Insel war und sich komplett in Wildschwein in Pfefferminzsoße reinverliebt hat. Dagegen spricht, dass diese (die Römer) nie so weit nördlich waren. Das Gebiet von Edinburgh (sprich: Edinborouhh) und Glasgow wurde niemals durch die Römer eingenommen. War also die Schuld der schottischen Ureinwohner selbst, dass deren Hunde lange Zeit nicht an Bäume pinkeln konnten. Die Römer waren schließlich nicht für alles verantwortlich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zu James, den Blumen und einigen Fakten. James Robertson war ein Botaniker, der am 17. August 1771 den Ben Nevis, den höchsten Berg der britischen Insel, zum ersten Mal erklomm. Was er damals sicher noch nicht wusste, ist dass der Berg wie das Gebirge aus magmatischem Gestein aus der Devon-Periode (vor ca. 419 Millionen bis 358 Millionen Jahren) besteht. Wie sollte er auch, er war ja schließlich Botaniker. Er hätte sich sicher auch nicht gedacht, dass „sein“ Berg einmal zu einem Kletterparadies sowohl im Sommer, als auch im Winter wird. Der Ben Nevis hat seinen Namen übrigens nicht den Römern zu verdanken. Der Name kommt aus dem Gallischen und bedeutet Ben = Berg und Nevis = Kopf über den Wolken. Wie die Gallier auf „über den Wolken“ gekommen sind, wird allerdings wohl deren Geheimnis bleiben. Denn tatsächlich ist der Kopf des Berges sehr häufig in den Wolken. Bekannt ist der Berg für sein unberechenbares Wetter und sich sehr plötzlich ändernde Bedingungen. Man beginnt seine Wanderung bei strahlendem Sonnenschein und schon auf halbem Weg regnet es „cats and dogs“. Wären die dogs doch mal lieber unten geblieben, genug Bäume um dran zu pinkeln gibt es ja wie gesagt wieder in Schottland. Auf dem Gipfel kann es dann bereits heftig schneien und auch Windgeschwindigkeiten von 100 km/h und mehr sind keine Seltenheit. Schnee ist übrigens das ganze Jahr über möglich.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Ben Nevis als sehr gefährlicher Berg gilt. Jährlich verunglücken viele Wanderer und Bergsteiger in diesem Terrain und regelmäßig müssen Tote beklagt werden. Deshalb sollte eine Besteigung dieses Berges auch gut vorbereitet werden. Wetterfeste Kleidung, gutes Schuhwerk und ein wärmendes Bekleidungsstück sind Pflicht. Ein GPS ist ebenfalls eine gute Idee, denn bei plötzlich aufkommendem Nebel kann es schon vorkommen, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Und bitte keinen Alkohol auf dem Weg zum Gipfel. Hey, werden einige jetzt einwerfen, wir sind in Schottland. Hier kommt Whisky aus dem Wasserhahn und die Seen bestehen aus Ale (britisches, obergäriges Bier). In der Tat kommt es vor, dass man Wanderer mit einer Bierdose in der Hand antrifft. Zum Glück wird man diese aber in der Regel auf dem Gipfel nicht antreffen. Und vergesst bitte nicht: Der Aufstieg beginnt auf Meereshöhe, man hat also mehr als 1.300 Höhenmeter zu bewältigen.



Es gibt mehrere Optionen, diesen Berg zu besteigen. Der auch als „Tourist Route“ bezeichnete „Mountain Track“ oder „Pony Track“ ist das, was man den Normalweg nennt. Es handelt sich um eine technisch mittelschwere, durch die Länge der Tour und eventuell schlechte oder sich plötzlich verändernde Wetterbedingungen aber anspruchsvolle Bergwanderung. Man hat 1.300 Höhenmeter im Aufstieg und Abstieg zu bewältigen. Insgesamt muss man mit sieben bis acht Stunden Wanderzeit rechnen. Der Weg ist 16,2 Kilometer lang.

Passende Wanderkarten gibt es bei Amazon.
Landranger Map, Band 41 – Ben Nevis, Fort William & Glen Coe
DuMont Wanderführer Schottland

Alternativ kann man auf halber Strecke am „Half Way Loch“ nach Norden abzweigen und unterhalb der Nordwand des Ben Nevis über den Grat des Nachbarbergs Càrn Mòr Dearg auf den Gipfel steigen. Es besteht auch die Möglichkeit, über das Massiv des Càrn Mòr Dearg von Norden aus den kompletten Aufstieg zu bewältigen. Schließlich gibt es eine kürzere und deutlich steilere Aufstiegsvariante von Süden über den Càrn Mòr Dearg. Die Alternativen zum Normalweg sind deutlich anspruchsvoller. Der Vorteil ist, dass man hier den Aufstieg ohne die an diesem Berg häufigen Menschenmassen genießen kann. Hier und da ein Schaf oder ein Klavier werden dann häufig die einzigen Begleiter sein. Ein Klavier? In der Tat. Einige Umweltaktivisten stießen im Jahr 2006 unterhalb des Gipfels auf die Überreste eines Klaviers. Es wurde irgendwann bekannt, dass ein Mann das Klavier vor Jahrzehnten auf den Berg getragen hat (wie er das gemacht hat muss man wohl die Druiden fragen), um auf dem Gipfel „Scotland the Brave“ zu spielen. Hatte ich schon erwähnt, dass Alkohol und Gipfelbesteigung keine gute Idee sind? Kann zu den verrücktesten Ideen führen. Ich bin gespannt, ob man irgendwann am Gipfel einen Schotten mit einem Ale in der Hand in einer Badewanne findet, genüsslich ein Schaumbad nehmend.

Und nun ab in die Vertikale. Die Nordwand des Ben Nevis ist für Kletterfreunde ein ideales Ziel – allerdings nicht für Anfänger. Felsvorsprünge, Grate und Spalten sowie lange Mehrseillängen-Routen von bis zu 600 Höhenmetern erfordern einiges an Erfahrung, Kondition, Equipment und Mut. Zum Vergleich: Die bekannte und schon fast berühmte Durchsteigung der Nordwand der Großen Zinne (Comici) wartet mit 500 Höhenmeter auf Eroberer.

Anfang März 2016 gelang Dani Arnold die Bezwingung der Route „Anubis“ in der Nordwand des Ben Nevis. Der Erstbegeher bewertete die Route als „schwieriger als XI 11 (XII 12?) im Winter und mit E8/6c (Französisch: 8a+; UIAA: 10-) im Sommer. Sie gilt damit als eine der schwierigsten Mixed-Routen der Welt. Ob Dani vor der Begehung einen Druiden getroffen hat?

Ganz so krass muss es nicht unbedingt sein. Wird es für die meisten von uns auch niemals werden. Aber mit Vereisung, Schnee, heftigem Wind und tückischen Felsspalten muss immer gerechnet werden. Schottland ist nicht alpin? Wer hat das denn gesagt?

Die wohl bekannteste Kletterroute am Ben Nevis ist „Tower Ridge“ und gilt als schwierig. Die Route ist sowohl im Sommer als auch im Winter möglich, erfordert mit 600 Höhenmetern aber eine exakte Zeitplanung und ein hohes Maß an Kondition und mentaler Stärke. Auf der gesamten Tower Ridge gibt es keine vorplatzierten Bohrhaken, die Seilabsicherung muss also individuell organisiert werden.

Weitere interessante und herausfordernde Abenteuer und Aufgaben:
Castle Ridge; 275 Höhenmeter; Schwierigkeitsstufe: schwierig. Castle Ridge gilt als der am einfachsten zu besteigende der vier Kämme.

Observatory Ridge; 420 Höhenmeter; Schwierigkeitsstufe: sehr schwierig. Gilt als der technisch anspruchsvollste der vier Kämme.

North-east Buttress; 300 Höhenmeter; Schwierigkeitsstufe: sehr schwierig.

Wer erst einmal üben möchte, dem empfehle ich das Kletterübungs-Center Ice Faktor in der Nähe von Fort William. Dort kann man unter anderem an künstlich vereisten Kletterwänden zu jeder Jahreszeit klettern und üben und Erfahrungen sammeln. Ich hoffe, ich konnte auch den begeisterten Alpinisten unter Euch ein wenig den Mund wässrig machen für dieses fantastische Stück Erde mit seinen Herausforderungen und Abenteuern. Ein typisches Klischee habe ich noch gar nicht angesprochen. Schotten sind geizig. Tatsächlich scheint da etwas dran zu sein, haben Wissenschaftler erforscht. Der Grund: Die Landschaften Schottlands sind nicht gerade das Sinnbild für weit verbreiteten, ertragreichen Ackerbau. Das Klischee des geizigen Schotten entstammt womöglich einer Zeit, in der sich vor allem die ländliche Bevölkerung aufgrund von anhaltender Armut und Hungersnöten so sparsam wie möglich verhielt. So wie es unzählige Völker in der Vergangenheit allerdings auch getan haben und es jeder vernünftige Mensch inmitten von Wirtschafts- und Finanzkrisen auch heute noch tut.

In Wahrheit liest man immer wieder in Berichten von der unglaublichen Gastfreundschaft der Bevölkerung und von der Freundlichkeit der Menschen. Allerdings erzählte ein Besucher von einer Beobachtung, die er wohl vor einigen Jahren gemacht hatte. Ein Schotte kam mit seiner Frau an einem Würstchenstand vorbei. „Hmmm, wie das duftet“ sagte die Frau und der Schotte erwiderte: „Ja, wenn du willst gehen wir dem Rückweg nochmal daran vorbei“. Wenn Ihr also Urlaub in Schottland macht und eine Traube von Einheimischen wild schnüffelnd an einem Würstchenstand seht – habt erbarmen und gebt einen aus!

Oktober 2020 / Lars
Bilder: Pexels & Adobe Stock