Outdoorsport und Nachhaltigkeit –
Geht das zusammen?

November. 2020

Outdoor-Sportler achten auf die Umgebung, in der sie einen großen Teil der Freizeit verbringen und sind generell naturverbundener und rücksichtsvoller im Umgang mit der Umwelt als „Couch Potatoes“. So möchte man meinen. Vermehrt werden aber auch kritische Stimmen laut.

FOLGE UNS AUF FACEBOOK

BLEIBE AUF DEM LAUFENDEN

Verpasse keinen Beitrag mehr. Abonniere unseren Newsletter und bleibe auf dem Laufenden. 

Outdoorsportler sind umweltbewusste Menschen. Sie lieben die Natur, entspannen in den Bergen und im Wald und halten sich am Liebsten im Freien auf. Outdoor-Sportler achten auf die Umgebung, in der sie einen großen Teil der Freizeit verbringen und sind generell naturverbundener und rücksichtsvoller im Umgang mit der Umwelt als „Couch Potatoes“. So möchte man meinen. Vermehrt werden aber auch kritische Stimmen laut.

Mehr Menschen bedeutet mehr Müll und Schmutz
Immer mehr Menschen machen sich auf in die Berge, meist mit dem Auto. Nicht selten nutzen dabei nur wenige Personen ein Fahrzeug. Die Angebote der Regionalbahnen werden bislang noch (zu) wenig genutzt, Fahrgemeiscnhaften sind eher die Ausnahme. Die Belastung für die Umwelt, aber auch für die Anwohner der vielbefahrenen Straßen, nimmt stetig zu. Mehr Menschen hinterlassen aber auch mehr Müll in den Bergen. Die beiden Allgäuer Martin Säckl und Raphael Vogler, Gründer des Start-Ups „Patron Plasticfree Peaks“, die mit ihrer multifunktionalen Brotzeitbox den Allgäuer Gründerpreis gewonnen haben, wissen davon ein Lied zu singen. Die egagierten Umweltschützer packen selbst gerne mit an. Bei einer Müllsammelaktion auf der kurzen Strecke hinauf zur Kappeler Alp bei Pfronten sammelte Martin Säckl im Sommer 2019 in kürzester Zeit einen ganzen Müllsack voll unachtsam weggeworfenem Müll, von der Plastikflasche bis hin zur vollen Windel. Ein Problem, das zunimmt.

Die Hersteller von Outdoor-Artikeln sind in Verruf geraten
Ein weiteres Problem ist die Herstellung von Outdoor-Artikeln, also insbesondere Bekleidung, aber auch Schuhe, Zelte, Schlafsäcke etc. Hersteller von Outdoor-Artikeln, insbesondere von Bekleidung, aber auch von Schlafsäcken, imprägnierten Zelten und anderer Ausrüstungsgegenstände, sind in den vergangenen Jahren in besonderem Maße in den Fokus von Klimaaktivisten und Umweltschützern, aber auch generell der aufgeklärten und interessierten Käuferschichten gerückt. Zurecht? Oder wird nicht mittlerweile Seitens der Hersteller sehr viel getan, um die für den Outdoor-Sport wichtigen Ausrüstungsgegenstände so umweltfreundlich wie möglich zu machen?

Dass bei den Herstellern ein Umdenken stattgefunden hat, steht außer Zweifel. Die Branche hat erkannt, dass Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit für viele Käufer heute ein entscheidendes Kaufargument darstellt. Daher war es nur eine logische Entwicklung, dass kein Hersteller es sich heute noch erlauben kann, diesen Trend nicht mitzugehen. Vorreiter sind seit Jahren international bekannte Marken wie Patagonia oder der deutsche Hersteller Vaude. Aber auch hierzulande eher unbekannte Marken wie der schwedische Hersteller Klättermusen oder der deutsche Ausrüster Pyua engagieren sich auf dem Sektor der Nachhaltigkeit und produzieren so umweltfreundlich wie möglich.


Woran erkennt man nachhaltig produzierte Outdoor-Ausrüstung eigentlich?
Für den Verbraucher ist es ausgesprochen schwierig, zu erkennen, welche Artikel und Kleidungsstücke besonders nachhaltig produziert wurden. Die Hersteller „schmücken“ sich heute mit einer Vielzahl an Standards und Zertifizierungen, Siegeln und Normen, um ihr Engagement für Nachhaltigkeit und Umweltschutz belegbar und nachvollziehbar zu machen. Begriffe wie „Ökotex 100 Standard“, „GOTS-Siegel“, Bluesign-Zertifizierung“ oder „Globale Traceable Down Standard“ sind auf die Etiketten gedruckt. Die Produkte werden mit dem „Fairtrade-Siegel“ beworben oder als „PFC-frei“ dargestellt. Die Hersteller geben „Naturschutzberichte“ heraus, werben mit der Mitgliedschaft in der „Fair Wear Foundation“, halten sich an die „CSR-Richtlinen“ oder geben einen eigenen „Code of Conduct“ fest. Bitte was? Wer blickt da noch durch? Selbst bei Nachfragen in den Sporthäusern können viele Mitarbeiter nur rudimentäre Auskünfte zu den unterschiedlichen Zertifizierungen und Auszeichnungen geben.

Wie umweltfreundlich sind die eingesetzten Stoffe? Ein paar Fakten
Um es vorweg zu nehmen: Jegliche Herstellung und Fertigung von Outdoor-Ausrüstung, insbesondere von Stoffen für Bekleidung und Imprägnierungen, belastet die Umwelt. Und auch der Gebrauch der Artikel stellt teils erhabliche Probleme dar, wenn z. B. beim Waschen gefährliches Mikroplastik entsteht und in den Umweltkreislauf gelangt. Die perfekte Lösung gibt es nicht. Die einzige Möglichkeit der kompletten Vermeidung von Umweltverschmutzung wäre der vollständige Verzicht. Das verlangt aber niemand. Dennoch unterscheiden sich die eingesetzten Stoffe und Materialien, insbesondere in der Textilherstellung, recht deutlich in den Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Die Industrie hat zudem in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, sinnvolle und weniger schädliche Alternativen zu herkömmlichen Materialien zu entwickeln. Es ist also durchaus sinnvoll, einen genaueren Blick darauf zu werfen und die Unterschiede herauszuarbeiten.

PFC (Perfluorierte und polyfluorierte Chemikalien)
Liest man die Presse zu PFC, so handelt es sich um den Stoff des Bösen. Dabei gibt es durchaus wichtige Anwendungsbereiche, in denen auf diese Kohlenstoffverbindungen aufgrund ihrer Eigenschaften kaum verzichtet werden kann, z. B. in Löschschaum zur Brandbekämpfung. Der Einsatz in Outdoor-Artikeln hingegen ist fragwürdig. PFC kommen aufgrund der wasserabweisenden und fettabweisenden Eigenschaften in der Outdoor-Industrie in erster Linie in wasserdichten Membranen, in Imprägnierungen von Kleidung und anderen Ausrüstungsgegenständen, aber auch in Wachsen und Schmiermitteln (z. B. Skiwachse) zum Einsatz. Die Bemühungen der Outdoor-Hersteller gehen dahin, diese Stoffe nach Möglichkeit überhaupt nicht mehr zu verwenden.

Denn PFC ist für den Menschen giftig. In welchem Umfang, ist aber bis heute nicht geklärt. Es gibt starke Hinweise darauf, dass diese Chemikalien (die Gruppe umfasst mehr als 3.000 Stoffe) krebserregend sind, das Immunsystem schwächen und zu Fortpflanzungsstörungen führen können. Das Fatale: Diese Stoffe sind nicht biologisch abbaubar. Praktisch jedes irgendwann einmal produzierte PFC-Molekül befindet sich noch irgendwo auf der Erde. Rückstände wurden bereits im arktischen Polareis und sogar in der Muttermilch gefunden. Die fettabweisenden Eigenschaften können derzeit von keinem anderen Stoff sinnvoll ersetzt werden. Diese Eigenschaft ist aber für Outdoor-Bekleidung eher nebensächlich, Bratenfett auf der Jacke kommt in den Bergen nicht ganz so oft vor. Für die wasserabweisenden Eigenschaften gibt es allerdings weniger umweltschädliche Alternativen, so z. B. Silikone oder Polymere mit weniger umweltschädlichen Eigenschaften in Herstellung und Entsorgung. Einige Hersteller nutzen PFC-freie Membranen wie Dermizax (z. B. Bergans of Norway, Ortovox, Scott) oder Sympatex (u. a. Vaude, Mammut, Billabong).

Polyester und andere synthetische Fasern
In der Outdoor-Industrie werden viele Artikel aus Polyester hergestellt oder enthalten Polyester. Regenjacken, Shirts, Windjacken, Hosen aber auch Zelte und Schlafsäcke enthalten häufig erhebliche Anteile an diesem Material. Polyester ist letztlich nichts anderes als Plastik auf Erdölbasis. Man kennt PET (korrekte Bezeichnung: Polyethylenterephthalat) normalerweise von Plastikflaschen. Tatsächlich handelt es sich um den gleichen Stoff, der in Textilien aus Polyester enthalten ist. Wobei korrekterweise Polyester die Überbezeichnung der Gruppe der Polymere ist, die aus einer großen Familie synthetischer Kunststoffe besteht (u. a. auch Elastan, die dehnabre Faser, die ebenfalls häufig in Textilien zum Einsatz kommt). Tatsächlich wird ca. 60% der weltweiten PET-Produktion für Stoffe verwendet, nur ca. 30% für Flaschen.


Jährlich werden ca. 70 Mio Barrel Erdöl für die Produktion von Polyester verbraucht. Das entspricht 11.129.110.644 Liter Erdöl. Eine unfassbar große Menge. Zur Verdeutlichung: Wenn jeder Deutsche – Säugling, Teenager, Erwachsener und alte Menschen, einfach alle – und dazu noch jeder Schweizer sich eine Badewanne voll Erdöl einlaufen lässt, dann entspricht das in etwa der Menge, die für die Produktion von Polyester pro Jahr verbraucht wird. Ein weiteres Problem stellt das Miroplastik dar, das bei jedem Waschgang ausgespült wird und mit dem Abwasser ins Meer gelangt. Immer mehr Hersteller greifen auf recyceltes Polyester zurück. Ein guter Ansatz, denn recyceltes Polyester benötigt ca. 53% weniger Energie, als neues Polyester und es wird kein weiteres Erdöl verbraucht. Das Problem des Mikroplastiks bleibt jedoch bestehen und recyceltes Polyester ist nicht unendlich häufig nutzbar, da mit jedem Recycling-Prozess die Fasern schwächer werden und das Material letztlich unbrauchbar wird.

Baumwolle
Wenden wir uns zuletzt der Baumwolle zu. Ein auf den ersten Blick umweltfreundliches Material, das auch in Outdoor-Artikeln gerne und häufig zum Einsatz kommt. Die Baumwolle hat den großen Vorteil, dass sie mit ihrer Zellulosebasis biologisch abbaubar ist. Baumwolle wächst nach, ist also eine erneuerbare Ressource. Baumwolle ist sehr widerstandsfähig und saugfähig, hautfreundlich, pflegeleicht und langlebig. Das alles spricht für die Naturfaser. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Betrachtet man den sogenannten „virtuellen Wasserverbrauch“, also die rechnerische Gesamtmenge an Wasser, welches von Anbau bis zur fertig verarbeiteten Baumwolle benötigt wird, ergibt sich ein anderes Bild. Für die Produktion, Bewässerung, Reinigung und Veredelung des Naturproduktes wird beispielsweise bei einem 250 Gramm schweren T-Shirt 2.495 Liter Wasser benötigt. Das entspricht ca. 15 Badewannen voll Wasser. Bedenkt man nun, dass die Hauptanbaugebiete von Baumwolle sich in Gegenden befinden, in denen es natürlicherweise keine reichhaltigen Süßwasservorkommen gibt oder nur geringe Niederschlagsmengen fallen (u. a. arme Länder Afrikas, Indien, Pakistan) wird das Problem deutlich. Das wertvolle Trinkwasser zur Bewässerung wird durch Wasserentnahmen z. B. aus Gewässern gewonnen. Mit der Folge, dass ganze Seen austrocknen, der Grundwasserspiegel sinkt, Brunnen versiegen, ganze Landstriche verdürren und der Boden versalzt. Hinzu kommt, dass die Baumwollpflanze anfällig ist für Krankheiten und Schädlinge. Als Folge ergibt sich in massiver Pestizideinsatz. In Indien, dem zweitgrößten Bauwollproduzenten der Welt, entfallen pro Jahr 50% der gesamten in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizidmenge auf den Anbau von Baumwolle – bei gerade einmal 5% der Nutzfläche.

Müssen wir jetzt alle ein schlechtes Gewissen haben?
Müssen wir Outdoor-Sportler nun also alle mit einem schlechten Gewissen durch die Welt laufen? Sollen wir unsere Leidenschaft unterdrücken und der Umwelt zuliebe zu Hause bleiben? Schließlich geht es nicht ohne Regenjacke, wenn es draußen ordentlich schüttet. Ohne Hose aus Baumwolle möchten wir auch nicht durch den Wald laufen – könnte leicht missverstanden werden 😉 Sollen wir uns das Zelten und die Übernachtung unter freiem Himmel verkneifen? Nicht mehr auf Skitour gehen und das Erlebnis einer Abfahrt im Tiefschnee lieber mit einer Menge Frust im Bauch auf YouTube durchleben? Natürlich nicht. Was aber ist die Lösung?


In der längeren Nutzung liegt das größte Umweltschutz-Potenzial
Den wichtigsten Beitrag können wir Outdoor-Sportler leisten, indem wir unser Konsumverhalten überdenken. Dazu gehört, nicht jeden Trend mitzugehen, der uns in der Werbung, im Sportgeschäft und auf den großen Messen wie der ISPO in München oder der Alpinmesse in Innsbruck von den Herstellern schmackhaft gemacht wird. Dazu gehört aber auch, Dinge die wir nicht mehr benötigen, die wir falsch gekauft haben, die nicht richtig passen oder drücken oder aus denen wir „herausgewachsen sind“ (Männer vorwiegend am Bauch, Frauen meist an anderen Stellen) in den Markt zurückzubringen. Sprich: Kleiderschrank und Aufbewahrungsorte ausmisten und zum Verkauf anbieten. Andere werden sich darüber freuen. Hierin liegt das größte Umweltschutzpotenzial.

Es gibt aber noch einige andere Dinge, die wir als Outdoor-Sportler tun können, um nachhaltiger mit Ressourcen und der Umwelt umzugehen. Utopia.de, das Forum für Nachhaltigkeit hat hinsichtlich der Wahl von Outdoor-Bekleidung einige ganz einfache Tipps für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz erstellt.

Nachhaltige Kleidung: Wieviel Funktion ist wirklich nötig?
Vor dem Kauf sollte man sich überlegen, welchen Funktionsumfang man für seine Aktivitäten tatsächlich benötigt. Muss es die wasserdichte 3-Lagen-Jacke mit Gore-Tex Membran und einer Wassersäule von 20.000 mm oder mehr sein, wenn man lediglich pro Tag eine halbe Stunde durch den Wald geht? (Laut DIN Norm gelten bereits 1.300 mm Wassersäule als wasserdicht, ein Wert den eine gut gewachste Baumwolljacke ebenfalls recht lange halten kann).

Recycling-Fasern kaufen
Man kann darauf achten, dass man Bekleidung aus überwiegend oder vollständig recycelten Materialien kauft. Hinweise auf derartige Produkte befinden sich in der Regel auf den Produktlabels. Im Zweifel nachfragen.

Recyclebare Bekleidung kaufen
Man sollte darauf achten, dass man Produkte kauft, deren Materialien sich vollständig oder fast vollständig recyclen lassen. Einen Hinweis darauf gibt das „GOTS-Siegel“ (Global Organic Textile Standard)

Naturfaser statt Kunstfaser
In jedem Fall ist eine Naturfaser besser als eine Kunstfaser. Wärmende Füllungen aus Wolle, wie sie z. B. vom Hersteller Ortovox überwiegend verwendet wird, aber auch Shirts aus Merinowolle sollten Kunstfasern gegenüber bevorzugt werden.

PFC-freiheit
Die Firma Nikwax bietet eine ganze Reihe an PFC-freien Imprägnierungen. Auch bei Funktionsbekleidung oder anderen Artikeln, die zwingend wasserdicht sein müssen, kann auf alternative Produkte und Membranen (z. B. Dermizax, Sympatex) zurückgegriffen werden.

Bluesign, Fair Wear Foundation & Co.
Das Bluesign Zertifikat ist eines der derzeit relevanteste Textilsiegel für Outdoor-Mode. Bluesign zertifizierte Produkte sind frei von problematischen Chemikalien. Als Mitglied der Fair Wear Foundation wird dem Hersteller bestätigt, dass er sich für faire Arbeitsbedingungen in der globalen Textilproduktion einsetzt.

Die Industrie setzt viel in Bewegung, um Outdoor-Artikel nachhaltiger und weniger umweltschädlich herzustellen. Letztlich liegt es aber an uns und unserem Konsumverhalten, wie gut wir die Umwelt tatsächlich schützen, ohne dass wir mit schlechtem Gewissen unserer liebsten Beschäftigung nachgehen müssen. In diesem Sinne allzeit viel Spaß in der Natur!

November 2020 / LK
Photos: Adobe Stock